Wie konnte ich nur so was tun?

 

Herr Meier versteht sich selbst nicht mehr. Er hat einen guten, sicheren Arbeitsplatz in einem kollegialen Team, einer förderlichen Unternehmensstruktur und die Rückmeldungen die ihm sein Vorgesetzter mündlich und schriftlich erteilt, sind sehr gut. Er selbst sieht sich als ehrgeizigen Mitarbeiter, besonders in seinem Fachgebiet. Rückblickend sieht er diesen Charakterzug als Grund dafür, dass er einen Fehler gemacht hat, der ihm Tage später noch sehr peinlich ist:

 

Er hat die persönlichen Unterlagen eines geschätzten Kollegen unerlaubter Weise durchgesehen, da er Informationen über eine Vorgehensweise haben wollte. Er wollte nicht um Hilfe bitten, für eine Sache, für die er die Verantwortung hatte. Und er ist sich unsicher, ob ihn der Kollege dabei im letzten Moment gesehen hat – aber von ihm nicht angesprochen worden ist; wahrscheinlich erzählt er den Vorfall in der Abteilung „hinter der vorgehaltenen Hand“ – so nimmt Herr Meier zumindest an.

 

Es ist zwar kein Sach-Schaden entstanden, doch trotzdem fühlt sich Herr Meier völlig am Boden zerstört. Er ist sich seiner Schuld bewusst, ohne Einverständnis des Kollegen in dessen (Arbeits-)Bereich eingedrungen zu sein und glaubt nun, dass er dessen Vertrauen und seine Anerkennung verloren hat. In ihm nagt nicht nur, dass er etwas Falsches getan hat, sondern auch, dass etwas Grundlegendes mit ihm nicht in Ordnung sein kann. Es tut ihm leid und er denkt die Situation immer wieder durch, zieht sich zurück und kann kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Herr Meier fühlt sich schuldig. Doch da ist keiner bei dem er sich entschuldigen kann – keiner, der ihn ent-schuld-igen kann. Er hat das Gefühl seinem Kollegen einen persönlichen Schaden zugefügt zu haben und fühlt sich nun schlecht. Was wird folgen, fragt er sich. Eine Abmahnung und im schlimmsten Fall der Verlust des Arbeitsplatztes?

 

Schuldgefühle entstehen, wenn eine Person glaubt eine Verfehlung begonnen zu haben. Mit der (individuell bewerteten) Ausprägung des Fehlverhaltens steigt die Angst vor einer Strafe: „Schuld“ kann somit 1. vom Gesetzt zugesprochen werden und 2. von der eigenen, inneren Instanz, die die Psychoanalyse das „Über-Ich“ nennt: die Handlung wird vom eigenen, inneren Richter beurteilt. Mit dem daraus entstehenden Schuldgefühl ist somit immer eine Handlung verbunden – „sich schuldig fühlen“ betrifft immer das Tun, die Tat. Herr Meiers Selbst-Vorwurf, „Wie konnte ich nur so etwas tun“, ist daher die Stimme seiner inneren Bewertungs-Instanz. Die Stimme, die mehr oder weniger laut meldet, wenn er „falsch“ gehandelt hat.

 

Doch diese Schuldstimme sagt Herr Meier nicht nur, dass er eine Sache falsch gemacht hat, sondern involviert auch, dass diese Entgleisung in Bezug zu einer engstehenden Person steht und, dass er diese geschädigt hat. Dieses „Basisschuldgefühl“ (Hirsch 2017*) greift somit in eine Sphäre ein, in der sich Herr Meier für die Empfindungen, die er bei seinem Kollegen (vermutlich) ausgelöst hat, verantwortlich - schuldig - fühlt.

 

*Hirsch, M. (2017): Schuld und Schuldgefühl: Zur Psychoanalyse von Trauma und Introjekt. Vandenhoeck & Ruprecht


Zudem ist das Ganze ist Herrn Meier sehr peinlich und er zweifelt an der „Richtigkeit“ seiner gesamten Person; er stellt sein Bild seines „Ich bin“ infrage, und belastet damit seine Selbstachtung.

 

Herr Meier schämt sich, dass er „sowas“ getan hat und ihn vermeintlich der Kollege bei seinem „sozialen Fehltritt“ gesehen hat.

 

Er fühlt die Blamage: durch eine unehrenhafte Handlung, den sozialen Erwartungen des Kollegen und den Normen des Unternehmens nicht entsprochen zu haben; diejenigen Personen ent-täuscht zu haben, die bisher gerne mit ihm gearbeitet haben. Etwas kann an ihm nicht richtig sein. Das Fehlverhalten wirkt sich auf die eigene Bewertung seiner ganzen Person aus. Herr Meier verurteilt sein So-Sein.

 

Das Schuldgefühl paar sich mit dem Schamgefühl.

 

Schuld und Scham sind „Gewissensinstanzen“, gehören zu den sozial gelernten Gefühlen und setzen somit eine Vergleichsgröße voraus. Sie sind Bewertungsinstanzen, die früh von wichtigen anderen Personen gesetzt worden sind. Dieser, von Carl Rogers als „Ideal-Ich“ bezeichneter Teil einer Person, bewertete Herrn Meiers Handlung als unvollkommen – den gegebenen Ansprüchen nicht genügend. Sie stehen mit der realen Person in diesem Fall in Konkurrenz – oder, anders: die Person befindet sich in einem inkongruenten Zustand.

 

Denn für Herrn Meier ist sein Bild von sich - von sich als sozialer, loyaler und zuverlässiger Kollege - ins Wanken geraten. Er schaut nun mit den Augen der anderen auf sich selbst und entdeckt hier Bereiche, die er für falsch hält – wie konnte er das nur tun? Im Blick steht die Infragestellung der Person. Er fühlt sich nicht (mehr) akzeptiert und zieht sich zurück. Er schämt sich so, dass er "den Augen der anderen" nicht standhalten kann. Doch innerhalb seines Teams ist er auf die (weiterhin gute) Beziehung zu seinem Kollegen angewiesen - und diese sieht er als verloren an.

 

Wenn Herr Meier eine dauerhafte Entlastung wünscht, wird er nicht darum herumkommen, sich mit seiner Person und mit der (Selbst-)Bewertung seiner persönlichen Grundzüge, auseinanderzusetzten und sich mitzu-teilen, über seine Gefühle zu reden. Doch vielleicht zunächst, erst einmal, sich über seine Motivation klar zu werden, die Unterlagen einzusehen und über diese reale Schuld. Und später dann auch darüber, welche Macht seine lang gehegten Bewertungsbedingungen über ihn haben und, ob sie heute noch gelten. Denn ein überstarkes Ideal-Ich kann die Bedürfnisse zudecken, die in der realen Person leben - und diese sind "richtig", da sie aktuell da sind - welche es auch immer sind. Und daraus können sich differenzierte, echte, kongruente Handlungen bilden.

 

Wenn Herr Meier also seinem echten So-Sein ein Stückchen näherkommt, so kann er für die Erfüllung seiner „eigentlichen“ Motive und Bedürfnissen „legale“, sozial anerkannte Möglichkeiten finden.  Denn: Aus Worten können Wege werden.  

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