Werden wer ich bin

 

 

 

 

„Lebe ich so, wie es meinem Selbst entspricht und mich glücklich macht?“, wird in der Einleitung des Artikels*, mit dem Titel oben, gefragt. Thema: was es heißt „sich selbst treu zu sein“ und zu werden. Authentizität ist dabei natürlich das Leitwort. Doch wie wird man authentisch(er), wie wird man die Person die man „eigentlich“ ist? Dass das nicht ganz so einfach ist, wird in manchen Momenten besonders deutlich.

Dann z.B., wenn man sich – vielleicht mal wieder – über sich geärgert hat, weil man zu viel, zu wenig, oder nicht „das Richtige“ gesagt hat.

Denn die Herausforderung eines Authentisch sein wollens ist es auch, dass es nicht nur ein „Ich“ gibt, sondern auch ein „Du“ und ein „Wir“. Wo auch immer. Und ein von (sozialen, gesellschaftlichen, kulturellen…) Rahmenbedingungen losgelöstes Verhalten ist in der Arbeitswelt nicht möglich. Und genau deshalb hilft es beim Authentisch werden wollen, sich selbst zwischen diesen Polen zu verorten.

Also: sich, sein Selbst, in der Wechselwirkung mit anderen, zu erforschen. Zum Beispiel mit diesen Fragen:

  • Was bedeutet mir im Leben etwas?
  • Welche Menschen sind mir wichtig? Warum? Was geben sie mir, was ich ihnen?
  • Was macht mich als ganze Person aus? Welche Interessen habe ich lange verfolgt, warum aufgegeben?
  • Was interessiert mich heute und welche Bedeutung hat dies für mich?
  • Was bewerte ich als gut/schlecht oder richtig/falsch?
  • Wen bewundere ich? Für was? Wünsche ich mir das auch für mich und was würde mir das geben?
  • Wenn es keinen gäbe, der sich für mich interessiert, was würde ich dann am liebsten tun?

Und Sie ahnen es: es geht nicht alleine um die Beantwortung der Fragen, durch den Kopf. Eine ehrliche Antwort von sich selbst erhalten Sie nur, wenn Sie sich als ganze Person - ganzheitlich - befragen: was sagt der Körper dazu? Welche Emotionen tauchen auf? Und zwar genau dann. In dem Moment der Innenschau. So kann das Selbst im Hier-und-Jetzt authentisch überprüft werden und auf die eigene Lebens-Spur gebracht werden.

 

„Werden wer ich“ bin hat somit zur Voraussetzung, nachzuforschen was mich im Hier-und-Jetzt ausmacht: Wie geht es mir gerade… wenn ich daran denke wie es mir vorhin ging? … wenn ich daran denke, was ich vorhin getan habe, oder gleich tun werde? Denn Fühlen passiert im Jetzt, im Körper. Das Forschen im „Hier-und-Jetzt“, zur Selbstentwicklung zur Hilfe zu nehmen, bedeutet damit:

 

Er-Leben wollen - wie sich das anfühlt, was ich genau in dem Moment tue, ohne gedanklich beim gestern oder morgen zu sein.

 

Denn: Das Leben findet in der Gegenwart statt – weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft.

 

Und doch werden wir nie mit unserer Entwicklung zu einem authentischeren Selbst "fertig" werden. Wie wir "ganz und völlig wirklich" sind - darauf wird es keine finale Antwort geben. So ist die vielleicht entlastende Antwort, dass der Weg das Ziel ist, wenn wir mit uns selbst, im Denken, Fühlen, und Handeln, eins werden wollen. Und uns auf diesem Weg selbst stets ein Stückchen näher zu kommen.

 

Oder, wie Carl Rogers es formulierte: "Das Selbst zu sein, dass man in Wahrheit ist".

 

*Psychologie heute, 07/2019